Wie mich mein Perfektionismus in die Achtsamkeit trieb.

Je älter, erwachsener, lebenserfahrener und vermutlich auch je weiser ich werde, desto mehr wird mir Folgendes bewusst: Ein starkes Streben nach Perfektion kann an einigen Stellen Wunder bewirken und die für uns wichtigen Dinge vorantreiben. An anderen Stellen hingegen kann es vieles verlangsamen, blockieren oder auch vollständig verhindern. Segen und Fluch, wie man so schön sagt…

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Meine persönliche Anekdote zu diesem Thema liegt ungefähr 3-einhalb Jahre zurück, und betrifft den Entstehungsprozess meiner Masterarbeit:

Offensichtlich war ich von der Idee besessen, die perfekte Arbeit zu schreiben. Es war mein Thema, mein Baby. Und es sollte perfekt zu Papier gebracht werden. Das letztendliche Ergebnis: Naja, es war gut. Ziemlich gut sogar! Aber mein Gott… war ich durch mit der Welt!

Extrem durch! Viel zu wenig gegessen, viel zu wenig geschlafen, viel zu viel Koffein! Und das über einige Wochen hinweg… Förmlich festgeklebt auf einem Stuhl an dem Küchentisch meiner Mutter, nicht so recht empfänglich für das, was sich außerhalb dieses Zimmers abspielte. Die Sonne ging auf, die Sonne ging unter. Die Tage und Wochen zogen so vor sich hin. Alles egal, Hauptsache die Arbeit wird bombe!

Aber nun gut, am Ende war die Arbeit recht solide. Aber stand dieses zufriedenstellende Ergebnis in Relation zu den multiplen Meltdowns, die ich an diesem Küchentisch über mich habe ergehen lassen? Nunja… Bereits im Prozess des Schreibens hatte ich eine gewisse Ahnung darüber, dass das, was ich tat, nicht gerade gesund und ergiebig war. Handelte es sich irgendwann schließlich nur noch um die mechanische Bearbeitung von Details, die für eine ausschlaggebende Notengebung doch meistens keine Rolle mehr spielt, an der man sich jedoch problemlos tagelang aufhalten kann.

Doch bevor ich damit beginnen konnte, diesen verstörend stark ausgeprägten Sinn nach Perfektion auf aufrichtige Art zu hinterfragen und aktiv zu bearbeiten, musste ich noch eine Kleinigkeit erledigen: die perfekte Masterarbeit einreichen! Was ich am Ende natürlich nicht tat.

Wieso?

Denn Perfektion zu erreichen ist schlichtweg unmöglich.

Nach dem Druckvorgang der finalen Arbeit überflog ich die ersten Seiten, und da war er: Ein Tippfehler!! Den meine übermüdeten Augen und mein unterversorgtes Gehirn mitsamt sprunghafter und leicht zerfahrener Aufmerksamkeitsspanne offensichtlich zehntausendmal übersehen hatten. Wie um Himmelswillen war das nur möglich??

Drei Monate später kam ich dem zögerlichen Beginn einer Antwort auf die Schliche… Durch eine fehlgeleitete SMS sendete mir ein Freund ein buddhistisches Zitat zu, dessen Inhalt ich mit meinem verwestlichten Verstand natürlich überhaupt nicht schnallte, jedoch aus Neugierde unbedingt verstehen wollte. Ohnehin war ich auf der Suche nach irgendetwas, was mir hätte helfen können, mich ein wenig zu „entstressen“. An dem Tag, als mich diese fehlgeleitete SMS mitsamt buddhistischer Botschaft erreichte, war mein erstes Gespräch über Achtsamkeit geboren – und zwar mit diesem Freund von mir, der versehentlich mir, anstelle eines Freundes von ihm, Buddhas Weisheit hat zukommen lassen.

Ich stellte ihm noch Wochen und Monate darauf immer wieder Verständnis-Fragen zum Thema Achtsamkeit, weil er so ziemlich der einzige Mensch in meinem Umfeld war, der etwas damit am Hut hatte.

Mein Interesse wuchs stetig weiter, sowie auch mein Verständnis dafür, auf welch tiefgreifende Art das Leben sich bei einem selbst verändert, wenn man sich dazu entschließt häufiger mal das Hier und Jetzt zu würdigen, anstatt pausenlos im „hätte, wäre, wenn“- Bereich des eigenen Verstandes umher zu eilen.

Irgendwann stieß ich dann auf Osho – was für eine Offenbarung… Nach meiner Einschätzung muss dieser Mann eine recht verschrobene Person gewesen sein. Hat irgendeine komische Sekte gegründet, in der es scheinbar jeder mit jedem getrieben hat. So munkelt man zumindest. Dennoch hat er in meinen Augen wahnsinnig interessante Ansichten auf das Leben, auf Achtsamkeit, sowie auch auf das Thema „Perfektion“ vermittelt:

Osho war der Ansicht, dass die Welt ein wundervoller Ort sei, eben weil er so extrem „unperfekt“ ist. Denn ständig ist hier etwas zu tun! Ständig verändert die Welt sich. Ständig entwickeln sich Dinge weiter. Und das ist gut so! Wenn die Welt perfekt wäre, wäre sie tot. Mausetot! Entwicklung ist am Ende ja nur dort möglich, wo Perfektion fehlt. Perfektion setzt einen Endpunkt. Perfektion ist der ultimative Tod. Über den ultimativ perfekten Punkt hinaus gibt es nichts mehr zu erreichen. Daher empfiehlt Osho, sich immer an Folgendes zu erinnern:

Du bist nicht perfekt, ebenso wenig ist es der Kosmos. In dem Sinne ist es absolut wegweisend das „Unperfekte“ zu lieben und zu feiern.

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Sicher… ein gewisser innerer Drive sein Bestes geben zu wollen, das Bedürfnis am Ball zu bleiben, und daran zu arbeiten die beste Version seiner selbst zu werden, ist tatsächlich Bestandteil eines wichtigen menschlichen Grundbedürfnisses (=Selbstaktualisierung).

Jedoch verwende dies stets mit Obacht: Denn falls Perfektion dein ultimatives Ziel sein sollte, wirst du auf dem Weg zur Erlangung dieses Ziels höchstwahrscheinlich umkommen. Denn Perfektion ist am Ende ja doch nie zu erreichen. Und das ist gut so!

Stell dir vor, wie unerträglich langweilig das Leben ohne Tippfehler, ohne spontane Anwandlungen von Tollpatschigkeit oder ohne die Momente wäre, in denen man langsam aber sicher vom geplanten Weg abwandert. Um sich am Ende auf ungeahnten Wegen wiederzufinden, die einen vom ursprünglichen Ziel wegführen, oftmals weg von dem „perfekten“ Ziel, hin zu etwas Neuem, etwas Unbekanntem, etwas „Unperfektem“, möglicherweise jedoch genau perfekt für dich?

Ähnlich habe ich es mit diesem verirrten buddhistischen Zitat empfunden, das mir dank Zahlendreher auf’s Handy geschickt wurde, und mich mit einem Thema konfrontierte, das mich seit jeher nicht mehr losgelassen hat. Das mir viele, viele Momente bescherte, in denen ich mich bewusst gegen perfektionistische Mantras entschieden habe. Dies war nicht immer leicht. Oft ist es noch mit Hadern und Unsicherheit verbunden. Dennoch war die Begegnung mit der Achtsamkeit eine der wichtigsten Begebenheiten in meinem bisherigen Leben. Und die Reise von Perfektion in Richtung Achtsamkeit ist eine der aufregendsten Reisen, die ich mir vorstellen kann.

So weit so gut.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!

Bis demnächst,

Amy

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