Können wir Millennials wirklich achtsam sein?

Seit geraumer Zeit arbeitet mein Kopf. Welch eine unachtsame Feststellung! Will man doch eher „kopflos“ und völlig gegenwärtig sein, wenn man einen achtsamen Lifestyle führen möchte.

Aber das ist wohl mein ewig andauerndes Lied an der Klagemauer: ich möchte achtsamer sein (sprich, mehr den gegenwärtigen Moment würdigen), dafür weniger in meinem Kopf leben. Doch bereits seit wenigen Jahren ist mir klar, dass das gar nicht so einfach ist!

 

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Sogar eine weite Reise habe ich auf mich genommen, auf einen Berg im Norden Thailands, um dem Trubel des Alltags zu entfliehen, und eine Woche lang in Stille und Achtsamkeit zu leben. Mein Verstand hat mich eines Besseren belehrt: die Maschinerie des Verstandes auszuknipsen und im Hier und Jetzt aufzugehen ist keine so leichte Kiste – selbst dort nicht, wo Achtsamkeit die oberste Priorität besitzt.

Doch für mich ist es ein unumstößliches Ziel! Achtsamer zu sein…

Bei meinem momentanen Lifestyle, der sicherlich relativ repräsentativ für den eines mehr oder minder typischen Millennials ist, wirkt die Vorstellung eines Lebens in völliger Achtsamkeit nahezu utopisch: Zwei Jobs, eine Beziehung, Freundschaften, die man pflegen möchte, Haushalt, anstehende Weihnachtstage und so weiter und so fort. Wie um Himmelswillen kann man da nur achtsam sein?

Soll ich still in auf meinem Meditationsbänkchen sitzen, Däumchen drehen und schauen, dass mir Patienten, Jobs und Freunde davon laufen, weil ich in Stille im Hier und Jetzt aufgehe?

Und wäre mir das ohnehin nicht viel zu langweilig und Verschwendung von kostbarer Lebenszeit, die man ausgiebig genießen könnte, anstatt „nur achtsam“ zu sein?

Das ist eine reale Frage, die ich mir häufig stelle.

Zuletzt hatte ich das Empfinden, mich zunehmend vom Weg der Achtsamkeit zu entfernen, was ich daran erkannte, dass ich mich häufiger gestresst und unausgeglichen fühlte.

Eine achtsame Lösung musste her: eines morgens in der letzten Woche griff ich zu einem gelb-orangenen Buch mit dem Titel „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“ mit einem milde lächelnden Mann mittleren Alters, namens Eckhart Tolle, auf der Rückseite aufgedruckt. Dieses lag ein ganzes Jahr lang, inzwischen leicht eingestaubt, in meinem Bücher-Regal herum. Ich nehme an, dass die mir unangenehm aufstoßende esoterische Aura von Buchcover, Titel und dem Bildchen des Autors dazu führten, dass ich es ganze 12 Monate ignorierte. Denn Esoterik löst in mir tiefsitzende Widerstände aus, auf die ich gerade nicht näher eingehen mag.

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Nun fühlte ich mich tatsächlich gestresst und unausgeglichen genug, um dieses Buch entgegen dieser diffusen inneren Widerstände in meine Handtasche zu schmeißen und in der Bahn auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit zu lesen zu beginnen.

Und bereits nach den ersten Seiten kam in mir eine ziemlich eindeutige Erkenntnis auf: du solltest achtsamer sein!

War mir eigentlich klar, jedoch scheinbar nicht bewusst genug. Eckhart Tolle hat mich daran erinnert! War ich wirklich so verbohrt, dass es die bloße Aura eines Buches war, die mich davon abhalten konnte, es zu lesen? Nun gut, zum Glück hatte ich mich eines Besseren belehren lassen! Eckhart Tolle erinnerte mich daran, dass ich wesentlich achtsamer sein möchte.

Dennoch ist die ganze Kiste mit der Achtsamkeit im Alltag gar nicht mal so einfach, wie sie klingen mag.

Denn unsere Probleme wirken auf uns irgendwo real, was kann Achtsamkeit da schon ausrichten?

Zunächst hilft vielleicht folgende Betrachtungsweise: nämlich dass Dramen, Stress und Überforderungen im Alltag maßgeblich mit unserer subjektiven Wahrnehmung und jeweiligen Bewertungen zusammenhängen. Oft sind es ganz unbewusste ablehnende Bewertungen unseres Verstandes auf Auslöser, die sich in unangenehmen Gefühlen niederschlagen. Wir fühlen uns mies, von der Welt schlecht behandelt, und nehmen Abstand davon anzunehmen, dass eine gegenwärtige Haltung uns bei dem jeweiligen Problem helfen könnte. Doch wenn wir in solchen Momenten mal unseren Kopf ausschalten, nach draußen blicken, unseren Atem beobachten, und uns voll und ganz dem Hier und Jetzt widmen würden, dann würden wir sehen, dass im jetzigen Moment so einiges in Ordnung ist. Der Chef hat dir wohlmöglich zu viele Aufträge gegeben, oder Person XY hat dich in harschem Ton angepampt. Doch im Hier und Jetzt ist diese Episode bereits vorüber. Wieso jetzt noch darüber lamentieren?

Ich persönlich sehe es so: wenn ich zu 100% achtsam bin, geht es mir für den Moment tatsächlich besser. Schließlich ist es in den seltensten Fällen so, dass der Chef auf deinem Nach-Hause-Weg noch neben dir sitzt, oder deine zickige Freundin dir über Stunden und Tage hinweg non-stop schnippige Kommentare entgegen schmeißt. Es sind meist vereinzelte Episoden, die uns stressen, die letztlich punktuell passieren. Und wären wir voll und ganz im Hier und Jetzt – quasi ständig – hätten wir eher selten wirklichen Anlass zur Klage.

Doch ganz so einfach funktioniert unser aktuelles Leben in Zusammenspiel mit der Achtsamkeit auch nicht…

Wie lange hätte ich wohl meinen Job, wenn zur Entlassung meiner Patienten keine Entlasspapiere vorliegen, weil ich lieber eine Runde meditiert habe, als mich unachtsamerweise in die Vergangenheit zu begeben, in der ich mental den Verlauf der Behandlung meines Patienten Revue passieren lasse? Was würde die Finanzbehörde dazu sagen, wenn man denen anstelle einer Steuererklärung einen Einzeiler zukommen ließe, in dem man erklärt, dass das Hier und Jetzt zählt, und die finanziellen Einnahmen des letzten Jahres ja inzwischen Schnee von gestern sind? Wie harmonisch wären Freundschaften, wenn man auf Unstimmigkeiten keine überlegte Reaktion zeigen würde?

Und mal ganz zugespitzt: Wie will mein Körper langfristig überleben, wenn ich mir nicht darüber Gedanken mache, wie Essen in meinen Körper kommt, woher das Geld für das Essen kommt, geschweige woher das Geld für das Dach über meinem Kopf kommt, das mich im Winter warm halten soll?

In der Steinzeit liefen solche Dinge noch wesentlich instinktiver und achtsamer ab:

Man hat das getan, was im Hier und Jetzt getan werden musste: gejagt, gesammelt, gebaut, gegessen, geschlafen, sich gepaart und maximal über das Nötigste ausgetauscht. Dann entwickelte sich der Verstand beim Menschen, der die praktische Umsetzung des Überlebens zunehmend vereinfachte. Die Menschen fingen an zu planen, zeitgleich aus vergangenen Fehlern zu lernen. Und irgendwann liefen die Dinge automatischer und vorausschauender. Der Mensch wurde im intellektuellen Sinne intelligenter. Zeitgleich weniger instinktiv, und weniger achtsam. Inzwischen wissen wir nichtmals mehr, dass ein achtsames Leben der Ursprung von allem Leben ist.

Wir haben es schlichtweg vergessen! Und jetzt haben wir eine Gesellschaft, in der Unachtsamkeit der vermeintlich natürliche Ausgangspunkt ist, der von kaum noch jemandem in Frage gestellt wird. Und irgendwo ist es ja auch ok!

Können Tagträume nicht auch schön sein?

Das Schwelgen in Erinnerungen? Im Hätte-Wäre-Wenn? In den schillernden Träumen und Wünschen, die wir uns für die Zukunft ausmalen?

Ja was denn nun? Möchte ich achtsamer sein und die „Verstandesebene“ verlassen, und zu steinzeitlichen Verhältnissen meiner Psyche zurückkehren, und meine Existenz in der Gesellschaft gefährden? Oder möchte ich eine junge Frau mit Träumen, Ideen, Plänen und schönen Erinnerungen sein? Muss ich meine Identität, mit der ich doch eigentlich gut klarkomme, aufgeben, um mich ein wenig zu entstressen? Ist es nicht das, was die ganzen Achtsamkeitsgurus suggerieren? „Sei leer. Leg dein Ego ab. Alles, was du denkst, ist dein Verstand – ergo nicht du. Du bist pures gegenwärtiges Bewusstsein“. Ich bin hin und hergerissen. Und denke mir:

Ich will beides!

Ich verzweifele zwar das ein oder andere mal an den Neurosen und Krankheiten unserer Gesellschaft, in denen ein gut ausgeleuchtetes Selfie mit schickem Filter mehr Bedeutung und Popularität beigemessen wird, als den tiefgreifenden Gedanken darüber, wie der Mensch von innen heraus glücklicher sein kann. Unsere Gesellschaft verwirrt mich, manchmal möchte ich aus ihr aussteigen. Doch bei näherem Hinschauen mag mein Verstand das bunte Treiben von uns unachtsamen Wesen zeitweise auch ganz gut leiden.

Möchte ich auf mitreißende Partys mit mir geliebten Menschen verzichten, weil es mein Verstand ist, der bespaßt werden möchte, und den Effekt von einem Glas Wein ganz gut leiden kann? Möchte ich diese Anhaftung meines Verstandes auflösen?

Bis dato sage ich nein! Und noch lauter sage ich nein zur Esoterik, die bislang den Königsweg aus Stress und Anhaftung vorgibt zu bieten.

Ich nehme mir vor mich auf die Höhen und Tiefen, die unsere unachtsame Gesellschaft so bietet, einzulassen.

Die Phänomene, die unsere Gesellschaft betreffen, ernstzunehmen, bedeutet, dass man hier und da Dinge viel zu ernst nehmen kann, die unter achtsamen Blickwinkel total nichtig sind. Das bietet völlig unnötiges Frustrationspotenziel. Das ist auch der Grund, weshalb so viele von uns so unsere Probleme damit haben, kritisiert zu werden. Unser Bild von uns selbst, das letztlich nur in unseren Köpfen besteht – etwas gänzlich Unreales – ist in Gefahr. Und wie oft springen wir Menschen auf Kritik an, und lassen sie über Stunden oder Tage hinweg unser Gefühl vergiften? Unachtsamkeit bietet viele Fallstricke, sich an Problemen aufzuhalten, die non-existent sind.

Und genau das gibt für mich die Lösung für unnötiges Leid vor:

Achtsamkeit! Die Schaffung eines Raumes, bzw. die Rückbesinnung auf einen Raum, in dem all diese gesellschaftlichen Probleme keine Nahrung finden. Und zwar der kleine Raum im Leben, in dem letztlich alles passiert: im Hier und Jetzt. Wenn ich meine Aufmerksamkeit nur stark genug diesem Punkt widme, der sich das tatsächliche Leben nennt, dann kann mir nicht viel passieren. Entweder man kann Einfluss auf das nehmen, was jetzt gerade passiert, oder man muss es hinnehmen. Wenn mir also der Alltag zu viel wird, dann kann ich mich genau darauf berufen.

Für mich ist das keine Alltagsflucht, sondern es ist eine Rückbesinnung: Man steigt quasi, wenn man achtsam ist, aus der Matrix aus, die wir als unser reales Leben wahrnehmen.

Denn genau so kann man unser „gesamtes Leben“ – metaphorisch gesprochen – am Ende betrachten: als eine Art Matrix. Unser gesamtes Leben – Erinnerungen an vergangene Ereignisse – findet letztlich nur in unserem Kopf statt. Im Hier und Jetzt hat all das, was mal war, keinen realen, greifbaren Bestand mehr – nur noch in unseren Köpfen. Nur den jetzigen Moment kann man verändern. Wenn wir vom Leben außerhalb des jetzigen Momentes sprechen, handelt es sich um eine Idee, die in unseren Köpfen existiert. Und das kann schön und faszinierend sein, genauso auch anstrengend und beängstigend. In jedem Fall ist all dies nicht die greifbare Realität, diese gibt es nur im Hier und Jetzt.

Doch ich erlaube mir in „meiner Matrix“ genau das zu tun, worauf ich Lust habe. Mir macht das Denken viel zu viel Spaß, als dass ich zum jetzigen Zeitpunkt allzu ernsthaft darauf hinarbeiten wollen würde, dieses aufzugeben. Außerdem brauche ich Verstand, Erinnerungs- und Planungsvermögen, um in unserer Gesellschaft meine Brötchen zu verdienen, Freundschaften zu pflegen, das optimale Selfie zu erstellen oder um mir die Songlyrics von meinen Lieblingstracks zu merken, um diese mit voller Imbrunst bei der nächsten erinnerungswürdigen Party mitzuträllern. Jedoch möchte ich mir eins vornehmen: meinen Verstand und all seine Inhalte (z.B. Ideen über andere Menschen und das allgemeine Geschehen in unserer Welt) etwas weniger ernst zu nehmen.

Ich erlaube mir, regelmäßig auszusteigen, Abstand zu nehmen. Ein- und auszuatmen.

Zu wissen, dass wir alle irgendwo gleich sind, egal welche Sicht wir haben. Um so etwas friedlicher zu leben.

Weniger „Hätte-Wäre-Wenn“, mehr Fokus, auf das was ist.

Und das ist nichts Neues! Nicht im geringsten erfinde ich hier ein neues Rad. Sondern rede nach dem, was Tolle, Kabat-Zinn, Thich Nhat Hanh, Buddha oder auch Laotsi schon wiederholt in verschiedenen Worten angedeutet haben.

Es ist für meine keine Religion, keine Esotherik, und frei von jeglichem Schnick Schnack zu betrachten.

Für mich ist es eine pragmatische Gewissheit, die mir hilft, in den Wirrungen des Alltags einen klaren Kopf zu bewahren.

Wie man das achtsame Leben als aktiver Akteur der Generation Y so umsetzen kann, versuche ich für mich herauszufinden, und auf diesem Weg – auf meinem Blog – in Schrift und Wort zu reflektieren.

Bis dahin – bleibt mindful! Und schaut bald wieder vorbei!

Amy.

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5 Kommentare zu „Können wir Millennials wirklich achtsam sein?“

  1. Ich habe erst kürzlich gelesen, dass Achtsamkeit mehr kann als man denkt. Regelmäßig angewendet, kann sie sowohl die Struktur des Gehirns, als auch die Funktion verändern – natürlich zum Besseren hin. Die graue Substanz im Hippocampus (Kurzzeitgedächtnis) und im frontalen Vortex (Handlungsssteuerung) nimmt zu – sowie die Konzentrationsfähigkeit. Und es geht ja darum, die Achtsamkeit immer dann zu nützen, wenn wir uns beruhigen möchten. Das eignet sich wunderbar zur Selbstfürsorge in stressigen Berufen. Ich glaube, das Achtsamkeit für jede Generation machbar ist. Toll, dass Du Dich mit Achtsamkeit beschäftigst, Amy

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